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Dieter's Story
Ein Kaventsmann
Erinnerungen an einen Segeltörn
erzählt von Dieter Lüker

Unser Schiff
Im Sommer des Jahres 1973 segelten wir mit einem selbstgebauten Seekreuzer vom Typ „Listang". Er war bockwurstfarben (Orange/Braun), hatte einen breiten Mors, war 7,5 Meter lang und bot als Backdecker für unsere kleine Familie, unsere beiden Mädchen waren 12 und 9 Jahre alt, verhältnismäßig viel Platz. Der jollenförmige Rumpf mit seinem 300-kg-Kiel bot ein sicheres Seeverhalten. Besonders schätzte ich die freie Arbeitsfläche auf dem Backdeck. Das große Vorsegel, (2/3) und ein kleines Großsegel (1/3 der Segelfläche) machte diesen Typ auf den Regattabahnen zum Schrecken der großen Rennyachten. Unser Schiff war mit einer 6 PS- Einbaumaschine und einer Radsteuerung ausgerüstet. Das Ziel unserer Sommer-reise war Bornholm. Um in der begrenzten Ferienzeit möglichst schnell dorthin zu gelangen, um recht viel Zeit für den Aufenthalt und die Rückreise zu gewinnen, wollten wir direkt von Gedser aus zum 100-Meilentörn über See starten.
Der Törn
Der Wetterbericht hatte uns günstige Wetterbedingungen versprochen. NW -W4 - 5 bei Nacht abnehmend, waren für die geplante Nachtfahrt ideale Windverhältnisse, keine Sturm- oder Starkwindwarnung für die nächsten Tage. Unsere Abfahrt planten wir für etwa 17.00 Uhr, um am nächsten Tag bei vollem Tageslicht in Rönne/Norrekas anzukommen. So liefen wir mit schneller Fahrt in Richtung NO aus. Die Sonne schien und der Wind brachte uns auf 5 - 6 kn. Mit uns zusammen war auch ein junges Paar mit ihren 25er-Jollenkreutzer „Klärchen von Meldorf" gestartet, es hatte dasselbe Ziel. Mit zunehmender Abenddämmerung beobachtete ich mit Sorge ein Zirrennetz am Himmel, welches allmählich von Norden her den hohen Himmel überzog. Bei Sonnenuntergang passierten wir ein ankerndes Wachboot der DDR, welches unseren Flaggengruß nicht erwiderte. Es lag an der Kadettrinne, der damaligen Staatsgrenze der DDR. Nach Sonnenuntergang nahm der Wind allmählich zu, es bildete sich schnell eine grobe See. Wir bargen das Vorsegel und hielten trotzdem noch gut 6 kn Fahrt. Die Kinder hatten sich unter Deck verzogen, draußen wurde es ungemütlich. Nach einigen Stunden Seefahrt jedoch steckten wir unsere Süni in Ölzeug, Gummistiefel und Schwimmweste und setzten sie, mit einer Leine gesichert, auf den Cockpitboden, wo sie bald darauf friedlich einschlief. Der Teufel „Seekrankheit" hatte sich schon gemeldet. Bald banden wir das 2. Reff ins Großsegel, aber wir surften weiterhin die Abhänge der höher laufenden See hinab. Die teilweise heftigen Ruderausschläge führten dazu, dass die Radsteuerung Probleme bekam. Vorsichtshalber montierte ich die Notpinne, die ich mit den Knien bediente.
Die Wellen
Bei meinen Seetörn habe ich schon immer den Wellengang beobachtet. So fand ich die Tatsache bestätigt, dass etwa jede siebente Welle höher aufläuft, als die Vorläufer, danach eine Zone niedriger Wellen folgt. Auch kenne ich die Berichte von Seeleuten über „Kaventsmänner", riesige Wellenberge von gemessenen bis zu 30 Metern Höhe. So beobachtete ich die Wellenbildung um uns herum. Bei teilweise aufreißender Bewölkung am tiefschwarzen Nachthimmel , hinter der der Vollmond ein gespenstisches Licht über die von hinten heranrollenden Seen goss, zauberten eine Furcht erregende Atmosphäre. In regelmäßigen Abständen rauschten hohe Seen heran, höher als die Vorläufer. Man konnte sie schon von weitem hören und, wenn die Front nicht zu breit war, geschickt seitlich ausweichen. Diese Wellen waren dadurch entstanden, dass eine schneller laufende Woge auf die davor laufende See aufläuft. Sie verfügt über zwei Schaumkronen, die, wenn sie sich vereinen, die tragende Woge zum Zusammenbrechen bringt. Solchen Wellegebilden folgt dann eine Reihe flacherer Wellen. Ingrid und ich saßen, angeleint mit Lifebelt und Schwimmweste im Cockpit, die Kinder spielten im Vorschiff und schauten gelegentlich über das halb geschlossene Steckschott. Wir fragten uns, wie sie es so fröhlich bei diesem Chaos aushielten, ohne seekrank zu werden. Ingrid schaute mit ängstlicher Mine zu mir herüber, wenn wir mal wieder über eine See abgestürzt waren. Meine Mine strahlte Zuversicht aus, obgleich auch mich eine leise Furcht beschlich. Wir trieben jetzt vor Top und Takel mit 4 - 5 kn in Richtung Osten.
Die Woge
Plötzlich hörte ich trotz des Windes hinter uns ein Furcht erregendes Brausen, sah hinter uns eine breite Front stürzenden Wassers mit drei Schaumkronen. Ich schätzte die Höhe von der Talsohle bis zum Top auf etwa 6 - 9 Meter, ein wahrer „Kaventsmann" Ein Ausweichen war nicht mehr möglich, so steuerte ich das Schiff geradlinig vor die Welle. Das Heck wurde steil angehoben, wir begannen zu surfen, die erste Schaumkrone zerbarst im Kielwasser und drückte das Heck nach Steuerbord herum, die zweite Krone drückte uns nun quer in die See und legte uns flach auf das Wasser, und wir wurden weiter angehoben. Nun stürzte die dritte Schaumkrone über uns herab. Ingrid hatte sich an der Reling festgekrallt, und ich fand mich mit einem Stoß in die Rippen am Lifegurt hängend auf der gegenüberliegenden Seite des Heckkorbs wieder. Unser Schiff hatte sich wieder aufgerichtet und, man staune, im Cockpitboden schwappte die Wassermenge einer Pütz, die schnell in den Lenzern verschwand. Der Sturzbach war über unsere Seite hinweggestürzt, da wir völlig auf der Seite lagen.
Um uns herum.
So kämpften wir uns weiter durch die Nacht, wir gewöhnten uns an das Chaos. Nördlich von uns wurde die See plötzlich von rotem Lichtschein angestrahlt. Seenotraketen stiegen in Abständen in den Himmel. Wir konnten nichts unternehmen, trieben wir doch vor Top und Takel und waren nur begrenzt manövrierfähig. War es die „Klärchen von Meldorf", die nordwärts außer Sicht gekommen war? Nach einiger Zeit bangen Wartens erschienen am Horizont die Positionslichter und die Beleuchtung eines Fahrgast- oder Fährschiffes, das auf das Notsignal zulief. Noch einmal leuchtete das Meer rot auf, offenbar von Handfackeln. Das Fährschiff strahlte mit seinen Suchscheinwerfern über die Wellen, stoppte kurz auf und drehte dann ab. Wir waren sehr besorgt
Weitere Begegnungen
Wieder erschienen vor uns Positionslampen am Horizont, dazu Arbeitslampen. Sie wechselten ständig die Richtung und die Farben. Es war wohl ein Trawler bei der Arbeit. Nach einiger Zeit verschwand er in der Dunkelheit hinter dem Horizont. Plötzlich erschien vor uns über den ganzen Horizont verteilt eine Kette von Positionslichtern, die sehr schnell auf uns zukamen. Bald befanden wir uns inmitten einer Schnellbootflotte, die an uns vorüberrauschte.
Wo sind wir?
Nachdem wir vom Auslaufen aus nordostwärts gesegelt waren wurden wir treibend mit 4 - 5 kn genau ostwärts versetzt. So mussten wir, hielt der Sturm weiter an, südlich an Bornholm vorbei treiben. Wir mussten ein Segel setzen um manövrierfähig zu sein. Darum nahmen wir den Großbaum mit Lümmelbeschlag aus dem Mast und wickelten unter Deck das Großsegel so auf den Baum, dass nur ein kleines Dreieck übrig war. Das zerrten wir vor dem Wind am Mast empor. Mit diesem Segel liefen wir nun raumschots mit 6 -7 kn wieder in Richtung NO unserem Ziel entgegen. Am Nachmittag sichteten wir die Westküste von Bornholm und bald erkannten wir die mächtige Brandung dieser Legerwalküste. Von Süden herkommend näherte sich ebenfalls eine Segelyacht. Als wir in die Bucht von Norrekas einliefen, standen die Segler auf der Mole und fragten uns erstaunt, wo wir bei diesem Wetter wohl herkämen. Es herrschte in dem Seegebiet Wind mit Stärke 9.Wir hatten bei diesem Wetter die Strecke von 108 sm in 21 Stunden gesegelt und getrieben. Nach uns lief wohlbehalten die „Klärchen" ein. Die Besatzung hatte die Nerven verloren und war bereit, sich abbergen zu lassen und das intakte Schiff aufzugeben. Daher hatte die Fähre kein Rettungsmanöver eingeleitet. Wir hatten uns große Sorgen um sie und ihr Schiff gemacht!
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