|
Skagen Rund Regatta 2006 mit Stader Seglern
von Mark und Regina Hustede
Im Jahr 2006 wollten wir unbedingt die Skagen Rund Regatta mitsegeln. Wenn schon nicht mit eigenem Schiff, so doch als Crew. Ein passendes Schiff, eine Wasa 415, war bald gefunden, ebenso die Crew, ein bunter Haufen aus den verschiedensten Niederelbe Vereinen von Finkenwerder bis Glückstadt.
Aller guten Planung zum Trotz ergaben sich Startschwierigkeiten. Einer unserer Glückstädter Kameraden sagte am Tag vor dem ersten Start wegen akuter gesundheitlicher Komplikationen ab. Was nun? Nach einigen hektischen Telefonaten hatten wir die Lücke durch den Stader Segelkamerad Vasco Ollero wieder aufgefüllt. Jetzt repräsentieren Stader Segler über 40% der 7 köpfigen Crew.
Den Zubringer nach Helgoland absolvierten wir im Rahmen der Nordseewochen Regatta Cuxhaven - Helgoland ohne nennenswerte Ereignisse. Halt - da war doch die Sache mit der automatischen, aufblasbaren Mann-Über-Bord Boje. Am späten Vorabend mal eben im Heckkorb montiert, hatten wir übersehen, dass das lose Leebackstag bei Welle entsprechend wild herumschlägt. Ruck zuck war die Boje auch schon außenbords katapultiert und entfaltete sich mit lautem Zischen. Funktioniert wirklich gut, so ein Ding.
Am Pfingstsonntag war für uns letzter Vorbereitungstag im Hafen. Während bei starkem Wind die ersten Teilnehmer der Rund Helgoland Regatta wieder einliefen - die frühen Rückkehrer allerdings ohne Mast - verlegten wir ein neues Datenkabel für die Windmessanlage im Mast. Dabei fiel ein Riss im Salingsbeschlag auf. Und nun? Hektisches hin- und hergefrage und Glück gehabt. Der örtliche Klempner konnte VA schweißen. Und noch mehr Glück gehabt. Zur Wiedermontage des Beschlages benötigten wir 12 Poppnieten und auf Helgoland gab es von der benötigten Größe noch 14 Stück zu kaufen. Vasco verdiente sich seine Passage redlich, verbrachte er doch den Großteil des Nachmittages im Mast mit Demontage und Montage des Salingsbeschlages.
Pfingstmontag, der große Tag. Die Wettfahrtleitung kündigte auf der Steuermannsbesprechung Startverschiebung auf vermutlich 16:00 Uhr an, will die genaue Startzeit rechtzeitig über UKW bekannt geben. Um halb Vier fragt ein Teilnehmer über Funk bei der Wettfahrtleitung an, wann denn nun gestartet werden soll. Die Antwort war ein unverständliches Geschnarre und Gerausche aus dem Funk. Schnell stellte sich heraus, dass das Funkgerät der Wettfahrleitung defekt war. Ein Begleitboot bestätigte nun die Startzeit 16:00 Uhr. Die Wettfahrtleitung hatte das schon lange angekündigt, bloß keiner hat's gehört. Es ist ein wirklich einmaliges Bild, wenn sich 68 Regattateilnehmer gleichzeitig 25 Minuten vor dem ersten Start aus den üblichen Helgoländer Päckchen lösen. Hat ein bisschen was von Autoscouterfahren. Zumal etwa 10 Yachten noch am einzigen Wasserhahn - gebührenpflichtig - Wasser bunkern müssen. Wir natürlich auch.
Das manövrieren auf beengtem Raum im Hafen war schon eine gute Übung für den Start, ankerte die „Wappen von Hamburg" doch genau auf der Startlinie und verkürzte somit den nutzbaren Teil erheblich. Nun folgte Bilderbuchsegeln. Wie auf einer Perlenschnur segelten die Teilnehmer im Sonnenschein bei 20 Konten Wind um die ersten beiden Bahnmarken „Düne Ost" und „Düne Nord" gen Skagen vor der kleiner werdenden Silhouette von Helgoland. Letztes Gedrängel um eine taktisch gute Position an der Tonne „Düne Nord". Nun liegt die nächste Bahnmarke ca. anderthalb Tage entfernt vor Skagen Riff.
Das Feld zieht sich aus einander - die UCA zieht dabei besonders schnell und ist nach zwei Stunden nicht mehr zu sehen - Bordroutine stellt sich ein, die erste Freiwache verschwindet unter Deck. Um 21:00 Uhr fahren wir die erste Wende vor Amrum Bank, um die Höhe für die Rundung von Horns Rev zu holen. Der Wind kommt natürlich aus NNW.
4 Stunden Wachen in der Nacht, 6 Stunden Törns am Tag. Die Routine lullt einen ein. Mit unserer 7 köpfigen Crew sind wir komfortabel aufgestellt. Der verabredete Speiseplan wird eingehalten, es gibt mehrmals täglich warmes Essen und heiße Getränke in der Nacht. Die Crew gewöhnt sich an das Leben auf der schiefen Ebene bei 5 Windstärken hoch am Wind.
Diese Routine wird nur durch kleine Ereignisse unterbrochen. Einen umherfliegenden Suppentopf zum Beispiel. Der Eigner - zum Glück war's der Eigner - hatten die Kardanik des Kochers arretiert, weil ihm das Hin- und Hergeschwinge auf die Nerven ging. Der Topf mit der fertigen Abendsuppe war von Regina in der Spüle gesichert worden. Nun wollte sich der Skipper mal die Hände waschen und platzierte den Topf wieder auf dem Kocher, dem arretierten! Dort stand dieser dann - für etwas 3 Sekunden - bevor er mit Riesengetösen auf den Bodenbrettern aufschlug. Die heftigen Schiffbewegungen sorgten für eine rasche und optimale Verteilung des Inhalts in alle Ecken.
Auch das nächtliche Fluten der Eignerkoje gehört zu den Dingen, die Abwechslung bringen. Natürlich war der Skipper beunruhigt, als er nachts in seiner Achterkammer einen nassen Hintern bekam. Polster und Kojenbretter flogen begleitet von lauten Flüchen in den Salon. Nachdem einige Pützen Wasser außenbords befördert waren (Die beste Lenzpumpe ist ein Seemann mit Pütz in der Hand und Angst im Nacken) begann die Ursachenforschung. Borddurchlässe und Stopfbusche wurden kontrolliert - nichts. Weiter suchen. Schließlich war der seitlich durch die Bordwand geführte Heizungsauspuff als Leckstelle identifiziert. Beziehungsweise die dazu gehörige Verschlußkappe. Die lag nämlich schön trocken im Kartentisch!
Ein neuer Tag, Mittwoch, bricht an. Thyborön liegt querab. Wir sind nun 32 Stunden hoch am Wind gesegelt. Jetzt dreht der Wind etwas westlicher, der Kurs wird etwas östlicher. Schoten auf und die Rauschefahrt durch die nächtliche Jammerbucht beginnt. Am Vormittag raumt der Wind noch mehr und nimmt auf 25 Konten zu. Wir fahren in hohen nachlaufenden Wellen Schmetterling, das Speedo bleib fast ständig im zweistelligen Bereich. Voraus ein Konkurrent. Der hängt an einer langen Schleppleine hinter dem Rettungskreuzer. Nach Kollision mit Treibgut ist der Yacht das Ruder abhanden gekommen. Einige weitere Teilnehmer haben den Spi gesetzt und unterhalten uns mit netten Showeinlagen, wie zum Beispiel Patenthalsen und Sonnenschüssen. Mit unserer ausgebaumten Fock pflügen wir wie auf Schienen gen Skagen.
Ziemlich genau um 12:00 Uhr Mittags rundeten wir die Bahnmarke „Skagens Rev Nord". Der Skipper holte die Buddel mit dem guten Schluck an Deck, um auf die Rundung anzustoßen. Natürlich bekam auch Neptun seinen traditionellen Anteil.
Nun hieß es Schoten dicht und Kurs Süd. Laesö Rinne konnten wir gut anliegen und in dem nun glatten Ostseewasser machten wir gute Fahrt. Stunde um Stunde wieder Routine.
Der Mittwoch neigte sich mit einem fast kitschig schönen Sonnenuntergang dem Ende, an Steuerbord waren die Lichter von Greena zu sehen, vor und hinter uns drei weitere Teilnehmer, die seit Skagen ungefähr gleichen Abstand behielten.
Nach Passage der Großen Belt Brücke war taktisches Geschick gefragt. Gegenstrom und nachlassender Wind machten uns zu schaffen. Die Strömungskarten ließen die östliche Seite des Großen Belts vorteilhaft aussehen. Aber machte die Gruppe Wettbewerber da im Westen unter Langeland nicht bessere Fahrt. Also ab unter Langeland in den dicht unter Land setzenden Neerstrom. Dicht unter Land heißt, wir gönnten uns noch 2m Wasser unter dem Kiel. In der Naviecke wurde der Kartenplotter nicht aus den Augen gelassen. „Jetzt ein Stück rausfahren, da kommt eine Untiefe. - So, jetzt wieder unter Land, ist alles tief." kamen die laufenden Anweisungen für den Rudergänger.
Das Wachsystem hatten wir querab Langeland, dem Ziel so nahe, aufgelöst. Alle Mann waren an Deck, der Wassertank wurde gelenzt, dem nun schwachen Wind Rechnung tragend. Der Wind raumte und der Spi kam zu Einsatz.
Die letzte warme Mahlzeit, eine Großverbraucher Dose Würstchen, wurde gereicht. Wer jemals eine Raubtierfütterung im Zoo miterlebt hat, hat nun ein recht gutes Bild davon, wie wir diese vertilgten. Oder besser verschlangen.
Aber was war das? Die voraus fahrende Gruppe hatte ja gar keinen Spi mehr oben. Und Lee war bei denen auch auf der anderen Seite als bei uns. Zu allem Überfluss kam uns noch ein Fahrtensegler entgegen, der sein Großsegel dreifach gerefft hatte. Was der wohl erlebt hatte?
Für uns schlief der Wind komplett ein. War ja zu erwarten. Spi runter, Genua hoch, konzentriert warteten wir auf den neuen Wind. Einer unserer Verfolger kam mit dem alten Wind angerauscht und blieb etwa 50m östlich von uns ebenfalls in der Flaute hängen. Erst ein Windhauch, dann eine Brise. Im neuen frischen Wind nahmen wir rasch Fahrt auf. Nicht so unser Nebenmann. Für diese Crew gab es vorerst keine Brise. Nach einer Stunde lag die Yacht immer noch kerzengrade an alter Stelle weit hinter uns, während wir mit 7 kn Fahrt Meilen nach Kiel gutmachten. Glück für uns.
Die letzten Meilen waren eine Nervenprobe. Der Wind wurde löcherig und tendierte zum Abflauen. Nachdem wir uns bereits über Funk zum Zieldurchgang am Kiel Leuchtturm angemeldet hatten, wurde es nahezu flau. Noch mal Spi hoch, und den Turm langsam im Halbkreis nehmen, die Ziellinie peilt genau West vom Turm, wir kamen auch Nordost, konnten also in das Ziel abfallen. Endlich das erlösende Hornsignal des Zielkomitees. Wir waren durch, 520 sm nach 3 Tagen, 3 Stunden, 25 Minuten und 35 Sekunden.
Eigentlich hätte das noch zwei Tage so weitergehen können, war die allgemeine Meinung der Crew. Genug zu Essen wäre ja noch an Bord. Ist man erstmal in der Bordroutine, ist es auch völlig unwichtig, ob man 2 oder 3 Nächte durchsegelt. Wir waren uns einig, das ein von Anfang an eingehaltenes Wachsystem genauso wie regelmäßige Mahlzeiten für diesen entspannten Eindruck maßgeblich waren.
Unser Fazit: Das machen wir wieder!
|