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Peenefahrt statt Annemusch Drucken E-Mail
Geschrieben von Herwart Völkers   
15.09.2003
Unsere „ANNEMUSCH“ mußte in dieser Saison aus verschiedenen Gründen an Land bleiben und deshalb haben wir im Urlaub etwas unternommen, was wir mit unserem Schiff nicht können, nämlich eine Flußfahrt mit einem Motorboot.

Wir reisen am Donnerstag, 25. 4. 02 an und übernachten in Warsow. Abends machen wir einen Spaziergang in der Dunkelheit. Die Frösche veranstalten ein lautes Konzert, das jedesmal für kurze Zeit endet, wenn wir in die Nähe kommen.Sobald wir uns entfernen, geht es wieder los. Wir übernachten in der Hotel-Pension MOLL. In der dazugehörigen Gastwirtschat „ bei Ursel“ saßen wir bis spätabends gemütlich beisammen.

Freitag 26,.4:

Am nächsten Morgen – es sah grau und trostlos aus, war aber trocken- wollten wir uns Malchin ansehen. Die Stadt wurde nach dem Krieg von den Russen zerstört. Nur das Rathaus und die Kirche blieben stehen. Man erzählt sich , daß der russische Kommandant auf der Rathaustreppe gestanden hätte, als eine Gruppe von „Wehrwölfen“ aus dem Hinterhalt das Feuer eröffnet hätte und ihn und seine Ehefrau erschoß. Daraufhin wurde Rache geübt. Aber es gibt keine Zeugen, denn die meisten waren in die umliegenden Wälder geflohen und die, die dageblieben waren, steckten mit den Russen unter einer Decke. Die übrige Stadt bietet ein eintöniges, graues Gesicht. Typische DDR-Tristesse. Ein Einwohner, der uns zweimal begegnete erzählte uns das vorstehend geschilderte und noch einiges mehr über die Geschichte der Stadt.

Am Nachmittag gegen 15 Uhr übernehmen wir das Motorboot „ Müritzaal „ in Neukalen. Übergabe und Einweisung dauern bis 18 Uhr. Es ist sehr diesig geworden, sodaß man kaum etwas sehen kann. Darum entschießen wir uns, erst am nächsten Morgen auszulaufen- Wir gehen noch einmal in die „Stadt“ Neukalen. Aber es dießt in Strömen, sodaß wir den Gang schnell abbrechen. Neukalen ist eine kleine, hübsche Stadt. Die Kirche steht im Mittelpunkt, die Straßen verlaufen ringförmig um das Zentrum.

Sonnabend, 27.4:

Am nächsten Morgen Sturm und heftiger Regen – wir bleiben im Hafen. Gegen 12 Uhr kommt Herr Seegebrecht ( der Stationsleiter) an Bord und bittet uns, auf keinen Fall auszulaufen, so lange das Wetter sich nicht ändern würde. Er habe gerade in Gravelotte ( auf der Ostseite des Kummerower Sees) einem Schiffbrüchigen geholfen, der gestrandet war und dabei einen Teil der Hafenanlage zerstört habe. Draußen herrsche Windstärke 8 , in Böen 10. Nachmittags gegen 15 Uhr klart es auf. Wir legen etwas später ab. Nach kurzer Fahrt auf dem Peenekanal sind wir auf dem Kummerower See. Bei West 3 – 4 fahren wir zur Mitte des Sees, weil es am westlichen Ufer sehr flach ist und viele Stellnetze aufgebaut sind. Am Horizont im Westen ziehen dunkle Wolken auf. 20 Minuten später ist das Unwetter da. Mit Wind 6 – 7 und Regen, sodaß die Sicht sehr schlecht ist. Im aufkommenden Seegang macht das Motorboot unkontrollierte Bewegungen und läßt sich nur schwer steuern. Es ist erstaunlich, was für eine See sich auf so einem kleinen Gewässer in kurzer Zeit bildet.

Bei Verchen, Aalbude heißt die Station, geht es wieder in die Peene. Das Wasser ist glatt, die Sonne kommt durch. Mit Mühe erkennt man die roten Tonnen auf dem See und die Schaaumkronen auf dem Wasser. Wir machen an der Speisegaststätte „Aalbude“ fest. Dort haben wir gut, aber viel zu reichlich – Mecklenburger Portionen- gegessen, natürlich eine Fischplatte mit Aal, Zander und Hecht. Es geht weiter auf der Peene. Die Sonne kommt durch und beleuchtet die Birken am Ufer, aber nur für kurze Zeit. Das nächste Unwetter nähert sich bedrohlich. Zwischen den Unwettern sehen wir Regenbögen, die so nahe sind , daß man sie greifen möchte. Eine himmlische Ruhe, in der man nur Vogelgezwitscher hört, abgesehen vom leisen Brummen des Motors. Zwei Seeadler fliegen auf, als wir uns nähern. Ein Schwarm Nonnengänse überquert uns. Am linken Ufer entdecken wir einen vom Biber heftig bearbeiteten Baum. Noch steht er - wie lange wohl noch ? – So geht es 20 km immer um die Kurve, mal linksrum , mal rechtsrum. Man muß aufpassen, daß man nicht in einem toten Altarm oder in einem alten Torfstich landet.Schließlich sind wir kurz vor der Brücke in Demmin. Herr Seegebrecht hatte uns empfohlen, in das Becken kurz vor der Brücke auf der Steuerbordseite zu fahren. Im Hafenbecken gibt es eine nagelneue Kaimauer. Doch wir trauen uns nicht, dort anzulegen, weil recht zwielichtige Gestalten uns genau beobachten und die Bewegung des Schiffes verfolgen. Deshalb verholen wir zum Übernachten in den „ Yachthafen“ auf der Backbordseite ( Eine nasse Wiese mit Matschlöchern und rotten Pfählen am Ufer) . Nach dem Abendessen an Bord machen wir einen Spaziergang. Der große Speicher im Hafen ist umfunktioniert zu einem Restaurant im Erdgeschoss und Schicki-Micki-Wohnungen in den oberen Etagen. Daneben steht ein mehrgeschossiges Gebäude in dem Landkreis- und Stadtverwaltung ihren Platz gefunden haben. Im Erdgeschoss wurde eine lange Ladenpassage angelegt – über die Hälfte steht leer „ Zu vermieten“ - richtig trostlos.

Sonntag 28.4:

Um 9 Uhr öffnet die Straßenbrücke. Da heißt es früh aufstehen und Klarschiff machen. Ein weiteres Kuhnle-Schiff ( Kuhnle Tours ist der Vercharterer ) und eine Vindö mit gelegtem Mast fahren auch los. Nach der Brücke ist die Vindö schnell hinter der nächsten Biegung verschwunden. Man merkt, daß die Kuhnle-Boote wegen des Risikos mit Chartergästen stark gedrosselt sind. Unsere Tjonger ( holländisches Stahlschiff) mit 8,80 m Länge und ca 6 to Gewicht hat eine Maschine, die von der Baugröße her ca 40 – 50 kW haben müsste, ist aber nur mit 34 kW angegeben. Bei Marschfahrt ( 2000 U/min ) macht das gerade mal 8 km/h Zunächst ist es sonnig, später bewölkt es sich und es wird kalt – 7°C -, stürmische Schauer, manchmal mit dicken Hagelkörnern. Der Wind ist eklig kalt und weht mit 6 – 7 genau von vorn. Auf geraden Streckn bildet sich Seegang , sodaß sogar unser schweres Schiff ein bißchen stampft. Doch die Natur ist so schön, daß wir die Fahrt trotz des Wetters genießen. Auwälder mit Erlen, Weiden und Birken wechseln ab mit Moorlandschaften. Darin in kurzen Abständen die überfluteten alten Torfstiche. An vielen stehen Schilder, die das Befahren verbieten, weil das Gewässer privat verpachtet ist – meistens von Angelvereinen -.In der Moor- und Reetlandschaft am Ufer hören wir langanhaltend ein schnarrendes Geräusch, das von allen Seiten zu kommen scheint. Wir kennen diesen Vogel nicht ( es sind wohl sehr viele) und nennen ihn deshalb den „ Schnarrer“. Auf einmal sehe ich einen kleinen grauen Vogel etwa von der Größe eines Zaunkönigs an einem Reethalm hängen, wohl einer der Schnarrer ( später zuhause im Vogelbestimmungsbuch lesen wir, daß es sich um den „Rohrschwirl“ handelt ) Weiter geht es, vorbei an umgestürzten Birken , Erlen und Weiden, deren flach gehendes Wurzelwerk nun hoch aufragt. Aus den nun waagerecht liegenden Stämmen sprießen neue Triebe senkrecht nach oben. Hin und wieder sehen wir eine Biberburg, bestehend aus armdicken Holzknüppeln, ca 1,50 bis 2 m hoch aufgeschichtet. Einen Biber bekommen wir leider nicht zu Gesicht, es sind ja nachtaktive Tiere. Der Wasserstand ist sehr hoch. Würde man an Land gehen, müßte man im Wasser herumpatschen. Am Ufer immer wieder Biberburgen und vom Biber angenagte Stämme. Abgenagte dünne Stämme ragen wie angespitzte große Bleistifte aus dem Waldboden. Wo der Wald endet, leuchten gelbe Sumpfdotterblumen-Wiesen. Ein Seeadler segelt dicht an uns vorbei und wird von einem kleineren Greifvogel vertrieben. Schwimmende Inseln aus Schilf und Zweigen treiben an uns vorbei und immer wieder umgestürzte Bäume, deren ehemaligen Äste sich zu neuen Stämmen ausbilden. Wir erreichen die nächste Straßenbrücke in Loitz ( sprich: Lötz ) genau zur richtigen Zeit – nach einem Kreis auf dem Wasser öffnet sie und wir können passieren. Die Vindö und das andere Kuhnle-boot hatten festmachen müssen, weil sie zu früh da waren – wie gut, daß wir uns bewußt Zeit ließen und die Natur genossen haben. Ganz selten sieht man mal ein menschliches Wesen. Manchmal sieht man Angler in einem Kahn oder es macht sich jemand an einer einsamen Holzhütte am Ufer zu schaffen.

Gegen 13 Uhr erreichen wir Jarmen. Wir machen an einer modernen, mehrere hundert Meter langen Kaianlage als einziges Schiff fest. Der Ort ist langweilig, typisch vorpommersche Kleinstadt, im Krieg aber offenbar nicht zerstört. Sozialistische Plattenbauten haben wir nicht gesehen, ganz anders als in Demmin und Malchin. Doch auch hier lungern zwielichtige Gestalten herum. Es regnet unaufhörlich, trotzdem steht auf dem Kai ein Auto, dessen zwei Insassen uns ständig beobachten. Nach einer Stunde fährt das Auto weg, kommt aber nach kurzer Zeit wieder und wir werden weiter beobachtet. Richtig unheimlich, man traut sich nicht, von Bord zu gehen – baldowern die vielleicht was aus ? Endlich sind die beiden verschwunden. Am Abend gehen wir essen in ein kleines Lokal „ Stadt Jarmen“ in erster Linie Kegelbahn mit angeschlossener Bewirtung. Ein Schnitzel mit leckerer Champignon-Sahnesoße „aber das Rezept verraten wir nicht“. Und wieder Riesenportionen nach Mecklenburger Art, sodaß wir die Hälfte des Fleisches mitnehmen und zum Frühstück verzehren.

Montag 29.4:

Wieder werden 7°C und stürmische Schauer angekündigt. Regen – Regen – Regen. Nach Einkauf und Frühstück gegen Mittag weiter Peene-abwärts. Nach einigen Stunden passieren wir Stolpe, ein kleines Dorf dicht an der Peene mit einem nagelneuen Sportboothafen. Dort möchten wir festmachen. Zunächst aber geht es weiter nach Anklam, weil wir erstens neugierig auf die Stadt sind und zweitens noch einkaufen wollen, so lebenswichtige Dinge wie z. B. Schnürbänder und Filme.Wir besuchen die St. Marien-Kirche, in der eine Ausstellung über die Geschichte informiert. Die Kirche wurde im Krieg durch eine Brandbombe zerstört. Man hatte die Kunstschätze zwar ausgelagert, die waren aber nach dem Krieg plötzlich verschwunden, sodaß nur wenige von den reichen Schätzen erhalten blieben. Anklam fällt durch eine besonders autofreundliche und fußgängerunfreundliche Stadtplanung auf. An jeder Kreuzung sammeln sich Fußgänger und müssen lange auf grün warten, während Autofahrer fast immer freie Fahrt haben. Zurück am Hafen beobachten wir wieder herumlungernde Gestalten. Wir legen ab und fahren 10 km zurück nach Stolpe, wo wir die nächste Nacht verbringen wollen.. Im Hafen begrüßt uns ein junges Ehepaar mit Kinderwagen, die selber ein kleines Boot dort liegen haben. Sie erzählen, daß sie den Hafen auch zur Hochsaison noch nie voll belegt erlebt hätten. Das ist sicherlich auch die Ursache, daß es nirgendwo jemanden gibt, der Hafengeld kassiert, obwohl es in der Broschüre angekündigt ist. Wir gehen spazieren – Klosterruinen aus dem 13, Jhd erzählen von der langen Geschichte des Dorfes. In der Nähe des Hafens sehen wir an der Peene auf beiden Seiten einen Fähranleger. Ein älteres Ehepaar lacht, als wir nach der Abfahrtszeit der Fähre fragen „Vielleicht im Sommer, wenn der Hafen voll belegt ist“. Gegen Abend ist das Licht beeindruckend. Eine helle Birke – von der Sonne beleuchtet – gegen den dunklen Auwald und den dunklen Himmel und daneben ein leuchtender Regenbogen.

Dienstag, 30. 4:

Der Ort verlockt zu einem weiteren Spaziergang. Er besitzt eine beeindruckende Kirche – eine fast runden Bau- man könnte meinen, wie der Hamburger Michel im Kleinformat. Auf dem Friedhof neben der Kirche befindet sich das Familiengrab der Gutsbesitzer „von Bülow“. Der Gutshof ist heute Hotel mit einem riesengroßen Rasen und Streuobstwiesen dabei. Auf dem Spaziergang überqueren wir eine ehemalige LPG, offenbar „LPG-Tierproduktion“. Davon zeugen riesige Käfige, die man anscheinend mit Gabelsatplern bewegen und transportieren konnte. Am Ufer sehr hübsche, neue Strohdachhäuser mit liebevoll gepflegten Gärten. Ein Pirol flötet. Gegen 11.30 Uhr geht es weiter. Auf der Fahrt scheuchen wir von Zeit zu Zeit einen Graureiher auf. Manche bleiben auch stehen und man bemerkt sie kaum , weil sie sich gar nicht bewegen.. Im reet hören wir wieder den „Schnarrer“ ( Rohrschwirl). In einem Birkenwald sind viele Bäume umgefallen, offenbar erst kürzlich bei einem Sturm. Was wäre das für schönes Kaminholz ! Der Moorboden ist so weich, daß sie von einer gewissen Größe an umkippen. Die Erlen werden meistens größer und sehen von weitem wie knorrige Eichen aus. Die Peene ist ein Paradies für Paddler, obgleich wir nur selten welche sehen, wohl wegen des Wetters und der Jahreszeit. Die schmalen Seitengräben und Altarme ermöglichen reizvolle Ausflüge ins Hinterland. Anne-Dores Kopf ist inzwischen eine „Landschaft von Beulen“ weil sie sich jedesmal den Kopf am Zwischenschott stößt, genau wie im eigenen Schiff. Herwart hat festgestellt, daß die Schwäne auf der Peene doofer sind als auf dem NOK; die auf dem NOK schwimmen einfach zur Seite, wenn man auf sie zufährt. Diese hier fliegen immer wieder auf, um sich ein Stückchen weiter wieder nier zu lassen, wo Herwart sie wieder verfolgt. Das „Stückchen weiter“ wird immer kürzer – man merkt ihre Erschöpfung, bis Herwart sie endlich in Ruhe läßt.Der erste Eisvogel ! Neben uns fliegt ein Eisvogel auf, überholt uns und überquert vor dem Schiff die Peene. Wirklich ein „fliegender Edelstein“. Jetzt streicht ganz langsam ein Rotmilan über uns hinweg – ein riesengroßer Vogel, wenn man ihn von so nahe sieht. Kurz vor Loitz kreist ein Seeadlerpärchen über uns, wieder so gigantische Vögel wie wir sie zuhause noch nie gesehen haben Unterwegs entdecken wir zwei Rehe dicht am Wasser, das eine liegt im Auwald und dreht nur den Kopf, das andere äst auf einer nassen Wiese. Beide verfolgen uns zwar mit Blicken, lassen sich aber selbst durch die Tröte nicht erschrecken. Kurz nach 16 Uhr erreichen wir Loitz. Wir überlegen, ob wir an der Kaimauer vor der Brücke oder im Yachthafen hinter der Brücke festmachen sollen. Nach den Erfahrungen in Jarmen und Anklam scheint die Kaimauer wenig geeignet. . Auch hier streunen zwielichtige Gestalten herum – das sind aber nur Katzen, die in den verlassenen Hafenspeichern ihr Leben fristen. . Eine Schwarzweiße ist besonders hartnäckig. Obwohl voller Angst, sitzt sie ständig beim Schiff, nachdem sie ein paar Brocken bekommen hat. . Wir bummeln durch die Stadt und suchen ein Restaurant. Wir müssen ein ganzes Ende laufen, weil wir irrtümlicherweise geglaubt hatten, die Kirche läge im Zentrum. Es ist übrigens eine gewaltige Kirche aus dem 13. Jhd die von ihrer Größe eigentlich gar nicht in diese kleine Stadt paßt. Leider ist das Kirchentor verschlossen. Als wir ein paar Stunden später zum Schiff zurück kehren, sitzt die Schwarzweiße immer noch da und wartet auf Almosen.

Mittwoch 1.5:

Die Brücke wird um 11 Uhr erstmalig geöffnet, deshalb können wir die nähere Umgebung erkunden, vorbei an dem Bahnhofsgebäude, an dem das Schild „ zu verkaufen“ schon langsam verblaßt. Wir bummeln weiter und gelangen in eine Wochenendsiedlung. So, wie bei uns viele Menschen die Feiertage in Schrebergärten verbringen, sitzen und arbeiten die Leute dort an ihren kleinen Bootshäusern am Wasser und auf einem kleinen Grundstück daneben oder reparieren ihre Boote. Doch einen gravierenden Unterschied gibt es: Immer wieder trifft man auf ein paar Hühner mit einem „stolzen Hahn dabei“ die scharrend und gackernd den Boden aufkratzten. Das liegt sicher auch daran, daß es hier mehr Land gibt und nicht jeder Quadratmeter ein Vermögen kostet. Um 11 Uhr starten wir die Maschine und machen los. Der Brückenwärter ruft: „Termin 12,50 in Demmin !“ Wir richten die Fahrtgeschwindigkeit so ein, daß wir ohne Stopp die geöffnete Brücke in Demmin passieren können. Ein lausig kalter Wind aus SW, teilweise mit Regen, bläst uns entgegen. Allmählich bessert sich das Wetter, die Sonne blinzelt manchmal durch die Wolken, es wird merklich wärmer. Auf der Peene herrscht – wohl wegen des Feiertags –für hiesige Verhältnisse reger Schiffsverkehr. Ein Fahrgastschiff aus Demmin überholt uns und begenet uns später wieder, 5 Angler in Ruderbooten und 3 Motorboote begegnen uns. Kurz vor Demmin treffen wir auf eine ganze Gruppe von Kanuten. Gegen 16 Uhr machen wir in Aalbude fest, an ganz neuen Hafenanlagen, alles vom Feinsten. Trotzdem sind wir das einzige Schiff. Wir machen die Fahrräder klar und erkunden den Uferweg am Kummerower See. Zunächst ein ganz passabler Weg oben an der kleinen „Steilküste“ mit reizvollen Ausblicken über den See. Nur ein Motorbootfahrer, der mit full speed über das Wasser brettert, übertönt mit seiner „Wum-wum-Musik“ sogar noch den eigenen Motor. Am Strand finden wir Muschelschalen ,die wir an der See noch nie gesehen haben. Das letzte Drittel des Weges ist abenteuerlich. Zuerst erschrecken uns zwei Pferde, die uns auf dem schmalen Patt entgegenkommen, teilweise im Galopp, offenbar irgendwo ausgebüxt. Ein Stück weiter ist der Weg weggebrochen bzw. vom Wasser weggespült. Wir müssen über provisoriche Stufen zum Ufer absteigen und schieben die Räder durch den losen Sand bis zum Hafen „Gravelotte“. Hier wurde ebenfalls eine supermoderne Anlage hingestellt, aber absolut leer – nicht ein Schiff. Zurück geht’s dann eine „Etage höher“ – oberhalb der Pferdeweide zurück nach Verchen. Ein Ehepaar vom Zeltplatz Gravelotte hatte uns den Weg empfohlen. Der Ort Verchen scheint ausgestorben. Wir begegnen nur zwei Radfahrerinnen, offensichtlich Touristen. . Abendessen gibt es in der in der „Speisegaststätte Aalbude“ auf der anderen Seite der Peene. Der Fährmann setzt uns über, weil er um 20 Uhr Feirabend macht, bringt uns der Koch mit seinem Ruderboot wieder zurück. Nach dem reichlichen Abendessen brauchen wir Bewegung und gehen in der Dämmerung spazieren. Zahlreiche Fledermäuse umschwirren uns – ein lautes Froschkonzert hört zwar neben uns auf, beginnt aber wieder, sowie wir vorbei sind.Plötzlich ertönt ein lautes Tuten, als ob jemand über eineleere Flasche bläst, viermal hintereinander, dann eine Pause. Das Geräusch erinnert stark an eine Heultonne in der Ostsee bei Nebel und Windstille. Vom anderen Seeufer der gleiche Ton, aber viel leiser und offenbar als Antwort. Je näher wir den Tönen kommen, um so deutlicher hören wir auch die Nebengeräusche. Bevor das Tuten beginnt keucht das Tier ein paarmal, zwischen den vier Tut-Tönen ist in jeder Pause ein Keuchen oder tiefes Einatmen zu hören. Später zuhause hören und sehen wir, daß es die Rohrdommel war, die uns so erschreckt hat.. Auf dem Rückweg kommen wir an einem Weidengebüsch vorbei, in dem plötzlich lautes Schreien, Kreischen und platschen zu hören ist. Der Lärm dauert an, die Tiere lassen sich durch uns gar nicht stören. Das sind Fischotter, die sich streiten, offenbar im Kampf um ein Weibchen.

Donnerstag, 2.5:

Wir bleiben – immer noch als einziges Schiff- im Hafen liegen. Der Fährmann setzt uns mit unseren Fahrrädern über die Peene. Wir radeln durch Feuchtwiesen und Auwald nach Dargun. Unterwegs scheuchen wir eine ganze Gruppe von Rehen auf, sehen einen Storchnach Nahrung im Gras suchen und finden Spuren von Fischottern im weichen Boden. In Dargun besichtigen wir die Klosterruine. Das Kloster ist erst nach Ende dez 2. Weltkriegs abgebrannt. Leider ist das „Lütt Museum“ geschlossen, eine Sammlung von landwirtschaftlichen Maschinen und Gerät, wie sie vor 50 Jahren üblich waren.. Wir essen in einem Lokal direkt am See. Von außen sieht es richtig nach HO-Gaststätte aus, aber drinnen ist es ganz nett. Die Bedienung ist freundlich und das Essen schmeckt. Wir trinken dunkles „Darguner Bier“, denn die Weine, die angeboten werden, sind nicht akzeptabel: Zeller schwarze Katz – Liebfraumilch – Oppenheimer Krötenbrunnen etc. . Der Rückweg ist kalt und ungemütlich. Es fängt an zu nieseln, hört aber gottseidank bald wieder auf. Abends laufen wir zu Fuß nach Verchen, ein Ort wie ausgestorben. Besonders auffällig ist die unvollendete Ferienhaussiedlung, die die Einheimischen „China-town“ nennen. In einem Wasserloch steht ein Trabbi, daneben ein LKW mit eingeschlagenen Scheiben. Auf dem weiteren Spazierweg, der uns in die Nähe der Kirche führt finden wir wunderschöne weiße, sternförmige Blüten mit langen schmalen Blättern, die im Bestimmungsbuch leider nicht zu finden sind. Nach dem Spaziergang kehren wir in der Kneipe des Ortes ein. Doch auch der Wirt und die anderen Gäste kennen den Namen dieser Planze nicht. „Ein richtiges Unkraut“ meinen sie nur..Auf dem Rückweg hören wir wieder den Rohrschwirl und die Rohrdommel, jetzt am Abend aber wesentlich leiser und mit größeren Pausen Wahrscheinlich ist es zu feucht und zu kalt. Es sind auch nur wenige Fledermäuse unterwegs.

Freitag, 3.5:

Wir stehen früh auf, weil wir das Schiff um 8,30 Uhr übergeben wollen Wetter: kühl; naßkalt am Ruder muß man wieder Handschuhe und Schal tragen. Die Tonnen auf dem Kummerower See sind bei der diesigen Sicht kaum auszumachen. Nach 100 m im Peenekanal fliegt von einer Weide ein riesengroßer Vogel auf – ein Seeadler, scheinbar zum Greifen nah Ein zweiter bleibt im Baum sitzen und verfolgt uns mit den Augen. Er scheint zu wissen, daß ihm von einem Schiff keine Gefahr droht..Auf der gegenüber liegenden nassen Wiese ruht ein Entenpärchen auf einem Heuballen vom letzten Jahr. Auf einem anderen steht ein Reiher und äugt in die teils überschwemmte Wiese, wo Fische kaum eine Chance haben, ihm zu entkommen. Am etwas trocknerenWiesenrand äst ein Reh.

Im Hafen von Neukalen winkt uns der Stationsleiter an die Kaimauer. Wir machen fest, räumen aus und klaren auf. Ein trotz des schlechten Wetters erlebnis – und lehrreicher Törn ist zuende.

Geschrieben am: 09.02.2003 CET
Letzte Aktualisierung ( 15.03.2006 )
 
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